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Carmen Bosch-Schairer M.A
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Aktuell:
Leopold Museum, Wien. Ständige Austellung: Österreichische Malerei und Arbeiten auf Papier des 19. und 20.Jh. u.a., Dienstag - Sonntag, 10.30 - 19.00 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr.
• The J. Paul Getty Museum, Getty Center, Los Angeles, Ca., USA: Europäische Kunst von der Antike bis zum 19.Jh., Dienstag - Donnerstag + Sonntag 10 - 18 Uhr, Freitag/Samstag 10 - 21 Uhr.
• The J. Paul Getty Museum, Getty Center, Los Angeles, Ca., USA: European Art from antiquity to the 19th c.,Tuesday - Thursday + Sunday 10 am - 6 pm, Friday/Saturday 10 am - 9 pm.
• Ernst Ludwig Kirchner, Bergleben. Die frühen Davoser Jahre 1917 - 1926, Kunstmuseum Basel, 27.09.03 - 04.01.04, Dienstag - Sonntag 10 - 17 Uhr, Mittwoch bis 19 Uhr.
Luginbühl total, Museum Jean Tinguely, Basel, 21.09.03 - 14.03.04, Dienstag - Sonntag 11 - 19 Uhr.
The J. Paul Getty Museum, Getty Center, Los Angeles, California, USA
Im Dezember 1997 eröffnete das neue J. Paul Getty Museum. Es ist das Herzstück des Getty Centers - ein imposanter Gebäudekomplex von Richard Meier an den Ausläufern der Santa Monica Mountains mit spektakulärem Blick über Los Angeles bis hin zur Pazifikküste. Das Center beherbergt neben dem Museum weitere Ausstellungsflächen, das Getty Research Institute, eine umfangreiche Fachbibliothek, ein Auditorium für Veranstaltungen, Restaurants und Verwaltungsgebäude.

Im folgenden werden die Geschichte des Getty Museums, sein gegenwärtiger Bestand und die Architektur des Getty Centers kritisch gewürdigt.

Das Museum ist der dritte Bau für die immer noch wachsende Sammlung von Kunst, Kunsthandwerk und Möbeln, die der kalifornische Ölmagnat J. Paul Getty in den späten 20er Jahren des 20. Jh. begründete. 1976 vermachte er sie dem Getty Trust, zusammen mit einem riesigen Vermögen und der Auflage, sie weiterhin systematisch auszubauen.

Nach den zuletzt beengten Verhältnissen im antikisierenden Vorgängerbau in Malibu stehen nun fünf zweistöckige Pavillons zur Verfügung, vier für die Sammlung und einer für Wechselausstellungen. Neue ausstellungstechnische Erkenntnisse werden ebenso berücksichtigt wie die Optimierung der Rezeptionsbedingungen. So werden die Gemälde in den Obergeschossen gezeigt, wo sie bei Tageslicht betrachtet werden können, je nach Wetterlage ergänzt durch computerdosiertes Kunstlicht. Möbel und Kunsthandwerk werden in Räumen präsentiert, die in Form und Größe ihrer Originalumgebung entsprechen, um eine möglichst authentische Wirkung zu erzielen. Ein aufwendiges museumspädagogisches Konzept bietet in mehreren sog. Art Information Centers die Möglichkeit, sich anhand von Tafeln, Objekten, Videos und Zugriffsmöglichkeiten auf die Website des Museums über Sammlungsteile zu informieren. Zahlreiches ehrenamtliches Personal unterstützt den Informationsbedürftigen. Führungen auf Englisch und Spanisch für unterschiedliche Zielgruppen - allgemein oder thematisch interessierte Besucher, Schulklassen, Familien -, Vorträge und Workshops dienen gleichfalls dem Ziel, die Sammlung und ihre Bedeutung einer möglichst großen Öffentlichkeit zu vermitteln. Dieser Service ist ebenso kostenlos wie der Eintritt.

Das Getty Museum bietet in seiner heutigen Gestalt einen Überblick über die wichtigsten Epochen der europäischen Kunst von der griechisch-römischen Antike bis zur klassischen Moderne um 1900. Wenn auch das Bemühen unverkennbar ist, alle Bereiche mit hochklassigen Beispielen abzudecken, bleibt doch der Charakter von Gettys Privatsammlung erkennbar, die den Grundstock für den Bestand des Museums bildete: Ihre Stärken liegen in der Kunst der Antike und im Kunsthandwerk des 17. und 18.Jh.

Gettys Sammlertätigkeit war stets eine Verbindung von Liebhaberei und merkantilem Spürsinn gewesen. Auf einer Bildungsreise durch Europa im Jahr 1913 hatte der schon in jungen Jahren erfolgreiche Unternehmer begonnen, sich für europäische Kunst und Kultur zu interessieren und verbrachte fortan - soweit es seine Zeit erlaubte - einen Teil des Jahres auf dem alten Kontinent. Als sich während der Weltwirtschaftskrise die Großsammler vom Schlage eines Hearst, Mellon und Rothschild zurückzogen und die Preise auf dem Kunstmarkt fielen, nutzte er diese Situation zu günstigen Käufen, u.a. von Gemälden von van Goyen und Rembrandt. 1936 begann er, historische Möbel und Kunsthandwerk zu kaufen, begünstigt durch den Umstand, daß Kriegsangst die Auktionspreise drückte.

Nach der Zwangspause während des 2. Weltkriegs nahm Getty seine Sammlertätigkeit wieder auf. Nun geriet die antike Kunst in sein Blickfeld. Er erstand u.a. den "Lansdowne Herakles", die römische Kopie einer griechischen Heraklesstatue, zweites Viertel 4. Jh.v.Chr., sowie mehrere Stücke aus der Sammlung des Earl of Elgin, darunter die "Elgin Kore" aus dem ersten Drittel des 5.Jh.v.Chr. Der griechischen und römischen Antike galt bis zu seinem Lebensende seine besondere Liebe. Ein weiterer Sammlungsschwerpunkt wurde die Malerei der italienischen Renaissance.

Hatte Getty nach dem Krieg mäzenatisch kalifornische Museen mit Spitzenstücken wie Rembrandts Porträt des Marten Looten, 1632, oder dem sog. Ardabil-Teppich, einem wertvollen persischen Teppich des 16.Jh., bedacht, so richtete er 1954 für seine ständig wachsende Kunstsammlung ein eigenes Museum in seiner Ranch in Pacific Palisades, LA., ein. Das Management legte er in die Hände einer gleichzeitig gegründeten Stiftung zur "Verbreitung der künstlerischen wie der allgemeinen Bildung", der Keimzelle des Getty Trusts, der heute das Getty Center und das Museum unterhält.

Getty war ein taktischer, aber gleichwohl passionierter Sammler, der im Laufe der Zeit wissenschaftliche Ambitionen entwickelte und selbst publizierte. Gern verglich er sich mit anderen herausragenden Kunstsammlern wie dem römischen Kaiser Hadrian oder dem Zeitungsmagnaten W.R. Hearst. Sichtbarer Ausdruck dieser Einschätzung war der Bau seines Kunstmuseums im nahen Malibu, L.A., 1970 - 1974, einer Rekonstruktion der "Villa dei Papiri" in Herkulaneum, die 79 n.Chr. beim Ausbruch des Vesuv verschüttet worden war. Getty bestimmte die "Villa", in der seine besten Werke präsentiert wurden, mit kostenlosem Eintritt und großzügigen Öffnungszeiten als seine Hinterlassenschaft an Kalifornien und seine Bewohner - wohlgemerkt nur die Nutzung, nicht das Museum selbst. Er war überzeugt, daß keine Stadt, kein Bundesstaat, nicht einmal die Regierung in Washington dies gewährleisten könnten, nur der Wille und das Vermögen eines Privatmannes von seinem Schlag. In der Tat: Als Getty 1976 starb, vermachte er seinem Museum Ölaktien im Wert von etwa 700 Mio. $, über die der Trust nach eigenem Ermessen verfügen konnte. Damit begann die Umwandlung vom privaten Sammlermuseum zu einem international bedeutenden Kunstmuseum, ergänzt um wissenschaftliche und museumspädagogische Einrichtungen. Der Bestand wurde systematisch ausgebaut, nicht zuletzt durch den Ankauf spezialisierter Privatsammlungen, wovon das in Europa bekannteste Beispiel das Konvolut illuminierter mittelalterlicher Handschriften von Irene und Peter Ludwig sein dürfte, das 1983 ins Getty Museum wechselte.

Unter den veränderten Bedingungen war die "Villa" als Ausstellungsgebäude schon nach 10 Jahre zu klein. Als Alternative entwickelte der Getty Trust die Idee eines Campus, der einem großzügigen Museumsbau sowie Forschungsinstituten und Bildungseinrichtungen Platz bieten sollte: das Getty Center vor den Toren von Los Angeles. Konzipiert wurde die Anlage vom damaligen Museumsdirektor John Walsh und dem renommierten Architekten Richard Meier, der sie von 1989 bis 1997 errichtete.

Der Gebäudekomplex liegt in einer weitläufigen Parkanlage, für das Publikum über eine elektrische Luftkissenbahn zu erreichen, die ihn mit dem Parkhaus verbindet. Gewaltige Substruktionen aus italienischem Travertin unterfangen den langgestreckten Campus auf der abschüssigen Bergflanke. Meier entwickelte die gesamte Anlage auf der Basis eines quadratischen Rasters, die Grundform der zumeist zweigeschossigen Gebäude variiert in der Regel den Kubus. Das Eingangsgebäude setzt mit einer geschweiften, horizontal gebänderten Fassade einen eigenen Akzent, während das Research Institute als Rotunde mit Innenhof gestaltet ist. Die Farbigkeit beschränkt sich außen auf das Weiß quadratischer emaillierter Aluminiumplatten und den hellen Ton des teils glatt geschnittenen, teils rauh bossierten Travertins. Auch innen ist Weiß die vorherrschende Farbe. Auf den Nordseiten sind die Fassaden großflächig durchfenstert, während geschlossene Wandflächen die Südseiten vor der kalifornischen Sonne abschirmen.

Charakteristisch für die Architektur des Getty Centers ist die Schaffung zahlreicher Binnenräume, die das kubische System kleinteilig aufbrechen. Lichthöfe, Lichtschächte, Miniaturpiazzen zwischen diagonal gestellten oder unter gestelzten Gebäudeteilen, selbst Wanddurchbrüche und Landschaftsportale, die den Himmel bzw. die weitläufige Umgebung in das System einbeziehen, ergänzen die gebauten um immaterielle Räume. Die Gesamtwirkung ist die einer Architektur von barockem Volumen und filigraner Durchgliederung. Bei aller Dominanz des rechten Winkels entstehen so immer neue pittoreske Ansichten, schattige Plätze, meditative und kommunikative Zonen, akzentuiert von Pflanzen, Steinen und Wasser. Ein System von Wasserläufen, Wassertreppen, Fontänen und Becken durchzieht die Piazzen wie die Gartenanlagen und mildert das semiaride Klima.
Besondere Aufmerksamkeit galt der Gestaltung der Außenanlagen, von denen vor allem der Kaktusgarten auf dem südlichen Bergsporn und der konzentrisch um ein Wasserlabyrinth angelegte "Central Garden" herausragen, letzterer ein Werk des Künstlers John Irwin. Mit ungeheurem Aufwand wurden heimische und exotische Gewächse angepflanzt, darunter allein 10.000 Bäume. Formale Beziehungen zu einzelnen Architekturteilen - die Rotunde des "Central Garden", die sich in die Erde schraubt , antwortet auf die aufragende Rotunde des Research Institute - spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Ästhetik warmer und kühler Farben, die der Süd- bzw. Nordseite zugeordnet sind, oder die Assoziationen an die traditionelle Vegetation Kaliforniens wie die des Mittelmeerraums, aus dem nicht nur der verbaute Travertin stammt, sondern auch das Herzstück von J. Paul Gettys Sammlung, die Antikenabteilung. Die Gartenanlagen des Getty Center sind als autonome Kunstwerke intendiert, die zusammen mit der Museumsarchitektur eine kongeniale Umgebung für die Kunstsammlung bilden und ihren Rang nach außen spiegeln sollen.

Bei der nun folgenden Vorstellung ausgewählter Exponate orientiere ich mich an den Datierungen und Zuschreibungen des Museumskatalogs: The J. Paul Getty Museum. Handbook of the Collections, 2001.

Die Sammlung ist chronologisch und nach Gattungen unterteilt und umfaßt Antike, Mittelalter, Renaissance, Barock und Rokoko sowie die Moderne von 1800 bis 1900.

Antikenabteilung

Die Bestände der griechischen und römischen Antike sind nur vorübergehend ausgestellt, denn sie werden nach dem gegenwärtigen Umbau der "Villa" in Malibu zusammen mit den Getty Research and Conservation Institutes in das alte Domizil ziehen und ein eigenständiges Antikenmuseum mit angegliedertem Forschungsbereich und didaktischen wie kulturellen Angeboten für die interessierte Öffentlichkeit bilden.

Augenblicklich ist der Bestand jedoch im Getty Center zu besichtigen. Zwischen 1939 und 1970 zusammengetragen, gehört er zu den drei wichtigsten Sammlungen antiker Kunst in den USA. Hatte sich Getty überwiegend auf Skulptur beschränkt, kamen nach seinem Tod weitere Gattungen hinzu: kykladische Kleinskulptur, Vasenmalerei, die jetzt zahlenmäßig den Schwerpunkt bildet, ferner römische Bronzen und Kleinkunst wie Gemmen und Glas. Zuletzt wurde die Sammlung Lawrence und Barbara Fleischman angekauft, die Objekte von der Bronzezeit bis zur Spätantike vereint.

Der Antikenbestand beeindruckt auch in der momentan reduzierten Präsentation durch großformatige Skulptur, etwa die Kultstatue einer Göttin aus Süditalien, letztes Viertel 5. Jh.v.Chr., die aus Marmor- und Sandsteinteilen zusammengesetzt ist, den besagten Lansdowne Herakles, römische Kopie eines Originals aus der Schule des Polyktet vom zweiten Viertel 4. Jh.v.Chr., gefunden in der Hadriansvilla in Tivoli, die griechische Bronzefigur eines jugendlichen Siegers (Füße verloren), letztes Viertel 4. Jh.v.Chr., vielleicht aus dem Umkreis des Lysippos, ferner die westgriechische, ehemals polychrom bemalte und nahezu lebensgroße Terrakottagruppe eines sitzenden Dichters und zweier stehender Sirenen, möglicherweise aus Tarent, ca. 310 v.Chr.

Die Qualität ist in der Regel gut, teilweise herausragend. Ausgerechnet Gettys Lieblingsstück, der Lansdowne Herakles, ist wenig durchgebildet und spannungsarm, was man dem römischen Kopisten anlasten mag. Bei dem spektakulären lebensgroßen Bronzejüngling fallen die Hände mit den gelängten, manierierten Finger auf, die im Gegensatz zum glatten, wenig differenzierten Leib stehen. Er erinnert an den etwa gleichzeitigen Jüngling von Marathon im Nationalmuseum Athen, jedoch ohne dessen ausgeprägte Ponderation und die Bewegungsenergie der Pose. Die Terrakottagruppe des sitzenden Dichters, der schon als Orpheus angesprochen wurde, weil er eine - heute verlorene - Leier hielt, und den beiden Sirenen scheint ziemlich singulär zu sein. Sie wird als westgriechisches Werk aus Unteritalien eingeordnet. Die stupende, voluminöse Körperlichkeit, die freie, im Raum sich entfaltende Haltung des Sitzenden, die theaterhaften Posen der Sirenen - all das läßt sich schwer in das bekannte Raster griechischer Kunst einordnen, selbst wenn man eigenständige Entwicklungen in der Graecia Magna unterstellt.

Die Vasenmalerei, zu einem großen Teil attischer Provenienz, deckt im wesentlichen die Zeit vom späten 6. bis zum späten 4.Jh.v.Chr. ab, mit zahlreichen Beispielen zumeist schwarzgrundiger Malerei. Darunter sind großformatige Exemplare wie Deckelamphoren, die bei den Panathenäischen Spielen als Preise verliehen wurden.

Bemerkenswert ist ferner eine flache Marmorschale mit polychromer Malerei in Blau, Rot und Ocker, die Thetis mit Nereiden darstellt und ins späte 4. Jh.v.Chr. datiert wird. Dieses Stück aus dem griechischen Süditalien ist, wie der Katalog vermerkt, einzig in seiner Art, ist doch die polychrome Malerei Griechenlands weitgehend untergegangen.

An überwiegend römischen Bronzeobjekten aus dem ersten vor- und ersten nachchristlichen Jahrhundert gibt es eine reiche, qualitativ nicht immer überzeugende Auswahl, hauptsächlich Büsten und Kleinplastik. Als schönes Einzelstück sei ein Kopf des jugendlichen Dionysos erwähnt, erste Hälfte 1.Jh.n.Chr.

Buchmalerei

Die mittelalterliche Kunst ist im Getty Museum fast ausschließlich durch Buchmalerei vertreten. Den Grundstock für die Handschriftensammlung bildete wie erwähnt die Sammlung Ludwig, die den Zeitraum vom 9. bis zum 16.Jh.n.Chr. umfaßt. Künstler aller bedeutenden Zentren der Buchmalerei sind vertreten, der Boucicaut-Meister wie Jean Fouquet, Simon Marmion, Simon Bening oder Joris Hoefnagel, die u.a. für hochrangige Auftraggeber wie Margarete von York, Herzogin von Burgund, Kardinal Albrecht von Brandenburg oder Kaiser Rudolf II. tätig waren.

Als bemerkenswertes Einzelstück fällt ein Neues Testament aus Byzanz von 1133 auf, ein kostbar ausgestattetes Werk der Komnenenzeit. Die Evangelistenporträts auf reichem Goldgrund orientieren sich noch an antiken Vorbildern, sind jedoch bereits ins Grafisch-Lineare weiterentwickelt, bei stupender psychologischer Charakterisierung von Gestik und Mimik.

Stundenbücher sind reichlich vertreten, überwiegend aus Frankreich und Burgund. Beispielhaft erwähnt seien ein Exemplar aus dem Umkreis der Brüder Limburg (Illustrationen des Spitz-Meisters, erstes Viertel 15.Jh.) und ein Gebetbuch Karls des Kühnen, 1469, mit üppigen Schmuckbordüren, dem Meister der Maria von Burgund zugeschrieben.

Insgesamt gilt für die illuminierten Handschriften mit wenigen Ausnahmen: gute Qualität, keine Spitzenwerke.

Malerei

J. Paul Getty hatte immer Malerei aus allen Epochen bis hin zur Klassischen Moderne erworben, aber eher nebenbei, denn er machte sich keine Illusionen darüber, daß die besten Werke bereits in Museumsbesitz waren und der Markt in der Regel nurmehr Zweitklassiges zu bieten hatte. Als seine gewichtigsten Ankäufe gelten Rembrandts Porträt des Marten Looten (1632), das er dem Los Angeles County Museum of Art schenkte, und Gainsboroughs Porträt von James Christie, dem Begründer des gleichnamigen Auktionshauses (1778). Schon 10 Jahre vor seinem Tod überließ Getty die Gemäldeabteilung dem Trust, der seither das Ziel verfolgt, eine kleine, aber hochklassige Sammlung zu schaffen. Gettys Schwerpunkte der Renaissance- und Barockmalerei Italiens wie der niederländischen Porträt- und Genremalerei wurden ergänzt um ein breites Spektrum der niederländischen, französischen und englischen Malerei bis hin zum Impressionismus, mit einzelnen Ausblicken auf andere europäische Länder.

So finden sich denn italienische Altartafeln namhafter Künstler ab dem Trecento, etwa Bernardo Daddis Marienaltar, ca. 1330, in der Nachfolge Giottos, und Masaccios Heiliger Andreas, 1426, mit dem charakteristischen Körpervolumen. Mantegna, der Hofmaler der Gonzaga, ist mit einer stark nachgedunkelten Temperamalerei auf Leinwand vertreten, einer Anbetung der Könige, die ihre Gaben in kostbaren Gefäßen anbieten, u.a. in damals noch seltenem chinesischen Porzellan (zwischen 1495 und 1505). Die Komposition, die so wirkt, als sei sie an allen Seiten beschnitten, versammelt die Figuren dicht gedrängt in der Art eines antiken Reliefs. Pontormo, del Piombo und Guercino sind mit Porträts von Adligen und Päpsten vertreten, die die Rezeption von Tizian bezeugen. Von diesem selbst ist eine sehr mäßige Version von "Venus und Adonis" vorhanden, ca. 1555 - 1560, wobei offen bleibt, wie hoch der Anteil der Werkstatt ist.

Die frühe Malerei des Nordens ist mit einer schönen Verkündigung von Bouts (1450 - 1455) und einer "Maria mit Kind im Fenster" (1485 - 1490) von Schongauer vertreten. Das Motiv des Krone und Szepter haltenden schwebenden Engels, dazu noch in durchscheinender Weißmalerei, ist bei diesem eher intimen Bildtyp ungewöhnlich.

Rubens ist mit einer großformatigen Grablegung (ca. 1612) präsent, einem echten Propagandawerk der Gegenreformation, van Dyck mit dem ganzfigurigen Porträt des Agostino Pallavincini in der Purpurrobe eines Gesandten am päpstlichen Hof (ca. 1621), das sich neben Rubens immer noch auf Tizian bezieht.

Von Rembrandt besitzt die Sammlung mehrere Frühwerke aus den 30er Jahren, eine "Entführung der Europa", "Daniel und Cyrus vor Baal" und einen "Alten Mann in Rüstung", von denen das Landschaftsbild mit der Entführung das schwächste ist. Absolut ungewöhnlich ist ein als Heiliger Bartholomäus apostrophierter Mann in Halbfigur von 1661, das Kinn (anatomisch nicht ganz überzeugend) in eine Hand gestützt, in der anderen ein Messer, das zur Identifizierung als Bartholomäus den Ausschlag gab. Der Ausdruck ist müde und nachdenklich, das kurze, seitlich gescheitelte Haar und die informelle Kleidung suggerieren das ungeschminkte Portrait eines Zeitgenossen. Offenbar hat Rembrandt in den frühen 60er Jahren mehrfach Menschen seiner Umgebung für Studien von Heiligenbildern porträtiert. Noch erstaunlicher ist die pastose Malweise, die den Aufbau der Form und die Modellierung aus einzelnen Pinselstrichen nicht glättet, sondern offenlegt. Die Malerei selbst wird in einer Art und Weise zum Thema des Bildes, die man eher im 19. als im mittleren 17.Jh. erwartet.

Französische Barockmalerei ist mit Georges de la Tour und Poussin vertreten, ersterer mit einem Gruppenbild streitender Straßenmusiker (ca. 1625 - 1630), das die Erwartungen an den nichts beschönigenden Blick auf die Randständigen erfüllt, letzterer mit einer heroischen Landschaft (Landschaft in Ruhe, 1650/51) und einer Heiligen Familie mit Anna, Johannesknaben und Putten (1651), beide mit Effekten fast überfrachtet.

Von dem Protagonisten des französischen Klassizismus, David, ist neben einer mythologischen Szene (Abschied von Telemachos und Eucharis, 1818) mit skulptural modellierten Körpern ein schönes Porträt von Suzanne Le Peletier (1804) zu sehen. Géricault vertritt mit eher atypischen Werken die Romantik, darunter einer wilden Boudoirszene (Drei Liebende, 1817 - 1820).

Mit Hauptwerken wartet die impressionistische Abteilung auf: Millets "Mann mit Hacke", 1860 - 1862, Renoirs "Spaziergang", 1870, ein "Sonnenaufgang" von Monet, 1873, aus der Serie von Morgenstimmungen in Le Havre, die paradigmatisch für die impressionistische Malweise wurden, und Manets "Rue Mosnier mit Flaggen", 1878.

Von Cézanne besitzt das Getty Museum ein "Stilleben mit Äpfeln", 1893 - 1894, und das halbfigurige Porträt einer "Jungen Italienerin am Tisch", ca. 1895 - 1900. Das Stilleben gehört zu den reifen Werken der Spätzeit. Die "Italienerin" ist in mancher Hinsicht ungewöhnlich. Das junge Mädchen im Dreiviertelprofil ist diagonal in das polyperspektivische Ambiente aus Zimmerecke und Tisch eingepaßt. An ihrer Körperlichkeit besteht kein Zweifel, selbst ihr Blusenärmel bauscht sich dem Betrachter üppig entgegen. Gleichzeitig bilden das Weiß der Bluse, das Blau des Rocks, das Rot-Grün der Tischdecke und das Rotbraun der Wände die Grundtöne einer dicht gewebten, flächigen Farbkomposition. Dieses Changieren zwischen Volumen und Fläche und die warme, geradezu sinnliche Farbigkeit verleihen dem Bild eine besondere Qualität.

Im Bemühen, bedeutende Namen zu sammeln, erwarb der Getty Trust charakteristische und qualitätvolle Werke von El Greco, Goya, C.D. Friedrich, Turner und van Gogh, die nun stellvertretend für die Kunst ihrer Nation und ihrer Zeit präsentiert werden. Den Abschluß bildet ein wandhoher Ensor, "Christi Einzug in Brüssel 1889" (1888), eines der ambitioniertesten aber nicht unbedingt überzeugendsten Werke des belgischen Protoexpressionisten.

Handzeichnungen

Erst nach Gettys Tod begonnen, umfaßt die Sammlung der Handzeichnungen mittlerweile über 600 Blätter und Skizzenbücher, die die Entwicklung in Westeuropa vom 14. bis zum 19.Jh. dokumentieren. Sie umfassen alle bedeutenden Namen, darunter Dürer, Leonardo, Raffael, Veronese, Rembrandt, Rubens, Ingres, Cézanne. Der Lichtempfindlichkeit der Exponate entsprechend werden sie immer nur kurzzeitig im Wechsel ausgestellt.

Erwähnenswert ist, daß Schongauer u.a. mit seiner einzigen bekannten Naturstudie vertreten ist, Pfingstrosen in Gouache und Aquarell, ca. 1472/73. Vor Dürer sind Naturstudien im nördlichen Kunstkreis spärlich überliefert; erst von diesem sind viele erhalten, nicht zuletzt aufgrund einer neuartigen Wertschätzung künstlerischer Arbeit. Sein bekannter Hirschkäfer, Aquarell und Gouache, 1505, bezeugt diesen Umstand.

Kunsthandwerk

Gettys Leitlinien als Sammler wurden schon angesprochen: Sah er bei Malerei zumal nach dem Krieg keinen großen Spielraum mehr, bot der Antiquitätenmarkt bei erstklassiger Qualität vergleichsweise günstige Preise. Bis 1960 erwarb er französische Möbel, Teppiche, Gobelins und Kleinskulpturen eher spontan und unsystematisch. Mit der Aussicht auf den Museumsneubau 1974 wurde die Ankaufstrategie neu konzipiert und beschränkte sich fortan auf den Zeitraum von 1643 bis 1792, der frühen Regierungszeit Ludwigs XIV. bis zu den späten Jahren von Ludwig XVI. Seit Gettys Tod werden auch andere europäische Länder wie Deutschland und Italien berücksichtigt. Nurmehr Spitzenstücke finden Eingang in die Sammlung, wobei es immer wieder zu Konflikten mit nationalen Ausfuhrbeschränkungen kommt.

Obwohl auch im Museum im Getty Center nur ein Fünftel des umfangreichen Bestands ausgestellt werden kann, bildet die Abteilung Kunsthandwerk mit insgesamt 15 Räumen einen Schwerpunkt .

Unter den Exponaten befinden sich originale Wandpanele zumeist des 18.Jh., mit denen ganze Ausstellungsräume ausgestattet sind, darunter eine frühe farbige Wandvertäfelung in der Art des Hofmalers Le Brun auf Goldgrund, ca. 1650 -1660.

An Wandteppichen aus den Manufakturen Beauvais und Gobelins für den König selbst und Mitglieder der königlichen Familie läßt sich die stilistische Entwicklung von der Mitte des 17. bis zum späten 18.Jh. nachvollziehen.

Reich vertreten ist Porzellan des Rokoko aus Chantilly, Sèvres und Meissen in Form von Vasen, Figurengruppen und Schmuckrahmen, z.B. der Rahmen für eine Wanduhr von Charles Voisin mit farbigen Blüten und Tieren in reicher Porzellan-, Email- und Bronzearbeit aus Chantilly (ca. 1740). Eine Hauptrolle spielen der Mode entsprechend Chinoiserien.

Überwiegend aus Pariser Werkstätten und von Meistern wie André-Charles Boulle, Bernard II van Risenburgh, David Roentgen u.a. stammen ausgesuchte Möbelstücke für die Haushaltungen des französischen Hofs, aber auch für Conoisseure wie den bayerischen Kurfürsten Maximilian II.: Sekretäre, Kommoden, Tische, Schränke und Betten sowie Uhren und optische Instrumente. Unter den zahlreichen aufwendig verzierten Stücken ragt als besondere Seltenheit ein zierlicher, unprätentiöser Lese- und Schreibtisch aus dem persönlichen Besitz Ludwigs XIV. heraus, aus Walnuß- und Eichenholz gefertigt und mit Elfenbein, Horn und verschiedenen Hölzern eingelegt und vergoldet (ca. 1670 - 1675).

Skulptur und Kleinkunst

Seit 1984 sammelt der Getty Trust Skulptur von der Renaissance bis zum Ende des 19.Jh. sowie Objekte, die unter dem Titel "Works of Art" subsumiert werden, Kleinkunst aus unterschiedlichem Material wie Keramik, Glas und Metall.

Viele bekannte Namen sind vertreten - Antico, Cellini, Giambologna, de Vries, Bernini, Girardon bis hin zu Canova und Carpeaux - jedoch nicht mit Hauptwerken, wenngleich die Qualität durchweg gut ist.

Eine Kuriosität sind die Mosaikarbeiten, die die Rezeption dieser antiken Kunstform nicht nur zur Dekoration von Tischplatten, sondern auch für Porträts dokumentieren. Aus der Werkstatt "Galleria de' lavori in pietre dure" des Großherzogs Ferdinand I. von Florenz stammt ein Mosaikporträt aus Stein und Marmor von Papst Clemens VIII. (um 1600). Auch im Barock bestand Interesse am Mosaik als einer Technik der frühchristlichen Kunst, wie ein aus kleinsten Steinchen subtil modelliertes Porträt von Camillo Rospigliosi, Kommandant vom Orden des Heiligen Stefan, beweist (ca. 1630 - 1640), das dem gesuchten Mosaizisten Giovanni Battista Calandra zugeschrieben wird.

Fotografie

Ebenfalls 1984 gegründet wurde die Abteilung für Fotografie, das bislang einzige Zugeständnis an die Kunst des 20.Jh. im Getty Museum. Wie im Fall der mittelalterlichen Handschriften wurde der Grundstock durch den Kauf mehrerer bedeutender Sammlungen gelegt, darunter die Sammlungen Samuel Wagstaff, Arnold Crane, Bruno Bischofberger und Volker Kahmen/George Heusch.

Schwerpunkte sind die Arbeiten des englischen Fotografiepioniers Henry Talbot Fox und seines Kreises aus den frühen 40er Jahren des 19.Jh. sowie experimentelle Fotografie aus der ersten Hälfte 20.Jh.

Als Dokumente erwähnenswert sind zwei Daguerrotypien, das Porträt Louis-Jaques-Mandé Daguerres, eines der Väter der neuen Kunstform (1848), aufgenommen von Charles R. Meade, sowie das anonyme Porträt des Schriftstellers Edgar Allen Poe (1849). Frühe Beispiele der Fotoreportage sind u.a. Alexander Gardners Fotografie des Präsidenten Abraham Lincoln auf dem Schlachtfeld von Antietam, 1862, oder die sozialkritischen Fotoserien von Dorothea Lange, die das Elend der Landarbeiter in Kalifornien während der Großen Depression in den 30er Jahren des 20.Jh. festhalten.

Daneben gibt es Beispiele früher Kunstfotografie, etwa des kameralosen Lichtbildes auf lichtempfindlichem Papier (Hippolyte Bayard, Anna Atkins u.a., Mitte 19.Jh.), oder Edgar Degas' weiblichen Rückenakt von 1896, der am Beginn einer an Strukturen orientierten Fotografie steht, wie sie mit Arbeiten von Alfred Stieglitz, Kertész, Albert Renger-Patzsch u.a. vertreten ist.

Persönlicher Kommentar

Das J. Paul Getty Museum wurde durch den Neubau des Getty Centers zu einem der weltweit interessantesten Museumskomplexe und setzt einen neuen Akzent in der an Museen nicht armen Metropole Los Angeles. Kalifornien hat dadurch ein neues kulturelles Highlight gewonnen.

Die Sammlungen sind von guter, bis auf einzelne Schwerpunkte jedoch nicht von überragender Qualität, weder im internationalen noch auch im nationalen Vergleich. Man denke nur an das Metropolitan Museum in New York, das zugegebenermaßen einen fast hundertjährigen Vorsprung hat. Um nicht mißverstanden zu werden: Das Getty Museum gewährt einen soliden Überblick über die Entwicklung der Kunst in der Alten Welt mit reizvollen Ausblicken in Spezialgebiete. Für ein Privatmuseum, das von einem einzigen Mäzen getragen wird, ist das eine erstaunliche Leistung.
Es gibt jedoch keinen Grund für einen internationalen Museumstourismus, auch nicht für einen Architekturtourismus. Richard Meiers Getty Center ist als ortsbezogene Lösung eindrucksvoll, wird aber im Oeuvre des Architekten eher als Variation seines Formenvokabulars einzuordnen sein denn als Vision.

Homepage:

Eintritt und alle Serviceangebote wie Audioguide, Führungen etc. sind kostenlos. Das Parkhaus kostet pro Tag 5 $. Reservierung (auch online möglich) erforderlich!


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